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Veröffentlicht: FAZ am 27.07.2017
von Wolfgang Oelrich, Nidda

Wirtshaus in Nidda

Schnitzel mit Uhren und Marionetten

In Nidda gibt es ein ungewöhnliches Wirtshaus. Betrieben wird es vom Ehepaar Bedtke. Was als Puppentheater begann, ist zu einem Ort mit vielen Vorzügen geworden.

Wem die Stunde schlägt: Wer bei Jutta und Werner Bedtke einkehrt, der kann seine Armbanduhr getrost zu Hause lassen.

Sie ticken ohne Unterlass. Ticktack, ticktack, ticktack. Rund 170 funktionsfähige Stand-, Wand- und Kaminuhren zieren den Gastraum des Wirtshauses „Uhrnstubb“ in Nidda-Wallernhausen. Zu jeder vollen Stunde schlagen sie mit mehr oder weniger Getöse – zumindest diejenigen, die Eigentümer Werner Bedtke rechtzeitig aufgezogen hat.

Jede Uhr hat eine eigene Geschichte, einige Stücke sind ausgesprochen selten. Die Flötenuhr von 1720 zum Beispiel spielt auf ihrer mechanischen Orgel acht verschiedene Lieder. Bedtke, der 68Jahre alte Sammler, weiß nur noch von zwei weiteren Exemplaren in Deutschland, die sich aber in Museen befinden. Ein weiterer Höhepunkt der Sammlung ist die Zahnstangenuhr. Und auch die englische Augenzwinkeruhr ragt heraus. Im Mittelpunkt jedoch steht das von allen Seiten zugängliche, 700 Kilo schwere Werk einer Kirchturmuhr aus Hausen bei Gießen.

„Nichts furchtbar Modernes und nichts Scharfes“

„Eigentlich sammele ich Taschenuhren“, sagt Werner Bedtke und überrascht damit den Zuhörer. „Die meisten Standuhren musste ich mitkaufen, wenn ich eine bestimmte Taschenuhr haben wollte.“ Die Taschenuhren sind alle sorgfältig verpackt. „Manchmal hole ich eine aus ihrem Karton, ziehe sie auf, öffne sie und gucke zu, wie das Uhrwerk läuft“, erzählt der gemütliche Herr, der ausgebildeter Sommelier ist. Nach ein paar Minuten des Betrachtens ist er dann zufrieden und packt die Uhr wieder ein.

Die Fenster des 90 Quadratmeter großen Gastraums an der Untergasse 23, der 25 bis 28 Personen Platz bietet, sind Spezialanfertigungen. Motive von Uhren und Szenen rund um das Thema Wein prangen auf den Bleikristallscheiben im Vakuum der Doppelverglasung. Die mit Mundartausdrücken gespickte Speisekarte ist gleichzeitig ein interessantes Lesebuch. „Mir hu was annern hu und hu aach, was annern net hu“ – „Wir haben, was andere haben, und haben auch, was andere nicht haben“ steht dort beispielsweise neben den Gerichten und diversen Sinnsprüchen. Über den normalen Betrieb hinaus gibt es in unregelmäßigen Abständen kulinarische Themenabende, zum Beispiel irische und jüdische, außerdem Erzähltheater zum Essen. Geöffnet ist das urige Wirtshaus Donnerstag bis Sonntag und an Feiertagen.

Jutta Bedtke ist die Herrin der Küche. „Sie kommt aus der grünen Ecke“, sagt ihr Mann. Die Achtundfünfzigjährige kocht „nichts furchtbar Modernes und nichts Scharfes“. Die Rezepte hat sie von ihrer Oma: Hausmannskost, ausschließlich mit saisonalen Zutaten aus der Region. Und alles bio. „Wir kaufen Fleisch und andere Lebensmittel nur von Leuten, die wir kennen“, hebt Werner Bedtke hervor. Wenn ein Gericht ausverkauft ist, muss sich der Gast eben ein anderes aussuchen.

Körner für Brot und Mehl mahlen die Bedtkes selbst. Auch den Apfel- und Muttersaft (zehn Prozent Holunder, 90 Prozent Trauben) stellen sie selbst her. Dem Ehepaar gehören mehr als 100 Apfelbäume auf einer Fläche von fünf Hektar. Außerdem haben sie neun Rebstöcke gepflanzt, die extra für den Standort Wallernhausen gezüchtet wurden. Die werfen jedes Jahr etwa sechs Zentner Ertrag ab.

Geschichten fürs Kaspertheater schreibt Frau Bedtke selbst

Ein normales Restaurant sollte die „Uhrnstubb“ nie sein. Eher ein Lebensentwurf. Jutta und Werner Bedtke kommen beide nicht aus der Gastronomie. Er war Betriebsingenieur beim Pharmakonzern Hoechst, sie Kindergärtnerin. Ihre Leidenschaft war das Kaspertheaterspielen. Ende der neunziger Jahre sagte Werner zu Jutta: „Lass uns ein Puppentheater aufbauen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Gesagt, getan. In Wallernhausen, dem Geburtsort Juttas, gehörte den beiden ein Haus, das sie vermietet hatten. Dort bauten sie ein Kasper- und Marionettentheater auf. Damit sich die Besucher rundum wohl fühlten, beschlossen sie, auch Kaffee und Kuchen anzubieten – die Idee für ein kleines Café war geboren, das im September 1999 öffnete.

Dann kam eins zum anderen. Kinder verlangten immer wieder nach Pommes. Als gute Gastgeber kamen die Bedtkes dem Wunsch nach. Dann meinten einige Väter, zu Pommes gehöre auch ein Schnitzel. Am Ende stand das Wirtshaus „Uhrnstubb“. Bis er 2010 nach 47 Jahren bei Hoechst in Frührente ging, betrieb es Werner Bedtke im Nebenerwerb.

Theater spielt seine Frau immer sonntagnachmittags für Kinder, die mindestens drei Jahre alt sind. 50Gäste passen in den Zuschauerraum im Keller. Links unten an der Stirnseite befindet sich die Bühne für Marionettentheater, rechts oben die für Kaspertheater. „Marionettentheater wird von oben gespielt, Kaspertheater von unten“, erläutert die grauhaarige, schlanke Frau mit der runden Brille und den ausgeprägten Lachfalten.

Rund 80 Puppen, knapp 50 Marionetten und etwa 30 Hohensteiner Handfiguren, nennt Jutta Bedtke ihr Eigen. Die Geschichten fürs Kaspertheater schreibt sie wegen der „horrenden Gema-Gebühren“ selbst. Im Marionettentheater kommen Märchen der Brüder Grimm zur Aufführung. Von Anfang Mai bis Ende August ist Sommerpause. Das mobile Kaspertheater kann auch von Kindergärten und zu Geburtstagen gebucht werden.

Obwohl die Bedtkes keine Werbung machen, kommen etwa 80 Prozent der Gäste von auswärts. Anfangs wurde das Projekt von den Einheimischen belächelt. Als eine Verwandte Jutta Bedtkes zum ersten Mal den Gastraum sah, sagte sie geringschätzig: „Mein Wohnzimmer ist größer als eure Gaststube.“ Mittlerweile erfreut sich das Wirtshaus aber auch bei Wallernhausenern und Niddaern einer gehörigen Wertschätzung.

Mehr Informationen im Internet unter der Adresse www.uhrnstubb.de und unter der Telefonnummer 06043/405540.

 

„Sie gehören zu einem der besten Restaurants, die in Rhein-Main GEHT AUS! 2016 und 2017 empfohlen werden.“ Presse Verlagsgesellschaft mbH

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